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Winterakademie „Qualitative Methoden“: Methodenworkshop „Warum ist Herr Brand arbeitslos?“

Am 21. Januar 2022 fand, im coronabedingten dritten Anlauf, der traditionelle Methodenworkshop des Lehrstuhls „Methodologie und Qualitative Methoden in der Pflege- und Gesundheitsforschung“ von JProf. Dr. Sabine Nover in Präsenz an der Vinzenz Pallotti University statt. Dieses besondere, in vor-Corona-Zeiten zweitägige Veranstaltungsformat für Promovierende und Studierende im 3.Semester Master Pflegewissenschaft startete bereits zum fünften Mal – eine Gelegenheit, die trotz der erschwerten Umstände, 25 Personen nutzten, von denen die meisten die wieder bestehende Möglichkeit ergriffen, wieder im Forum Vinzenz Pallotti zu übernachten.

Als Gast war Professor Dr. Jo Reichertz eingeladen, einer der Hauptvertreter der hermeneutischen Wissenssoziologie und des kommunikativen Konstruktivismus in Deutschland. Professor Reichertz ist bekannt durch seine Arbeiten zur qualitativen Methodologie und zu einem breiten Spektrum interpretativer Methoden.

Professor Reichertz war bis zu seiner Emeritierung 2015 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, und arbeitet aktuell im Vorstand und als Senior Fellow des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI). Darüber hinaus erfüllt er Gastprofessuren und Lehraufträge an den Universitäten Wien, St. Gallen, Witten/Herdecke, Hagen und Bochum, in den Fächern Soziologie, Pflegewissenschaft und Kriminologie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten: Kommunikationsmacht, Kultur- und Religionssoziologie, Medienanalyse und – nutzung sowie Interpretative Sozialforschung, ist seit einiger Zeit noch das Thema Kommunikation und Demenz hinzugekommen. Darüber hinaus läuft unter seiner Leitung am KWI zurzeit ein DFG-Projekt mit gleichnamigem Titel.

Professor Reichertz startete am Freitagmorgen sein interaktiv gestaltetes Programm mit einem Input zu Fragen des inhaltsanalytischen und des hermeneutischen Vorgehens bei der Analyse empirischen Materials. Der Tag war den unterschiedlichen Analyseebenen, die je nach der Art des Vorgehens erreichbar sind, gewidmet. Im Mittelpunkt stand dabei ein Interview mit „Herrn Brand“. Die Teilnehmenden übten sich bei dieser ganztägigen Veranstaltung unter Anleitung von Herrn Reichertz in der Interpretation dieses Interviewtranskripts und gingen der Frage nach „Weshalb ist Herr Brand arbeitslos?“.

Die Unterschiede in der Analysetiefe, je nachdem, ob inhaltsanalytisch oder hermeneutisch vorgegangen wird, wurden dabei besonders plastisch herausgearbeitet. „Die mitreißende und alle Teilnehmenden einbeziehende Gestaltung des Workshops hat zu nachhaltigen Eindrücken und profunden Erkenntnissen geführt“, so JProf. Dr. Sabine Nover, Organisatorin des Veranstaltungsformats.

Auf inhaltsanalytischer Ebene werde danach gesucht, „was“ Herr Brand sagt, erläuterte Professor Reichertz. Nach Sichtung der Ereignisschilderung suchte die interpretierende Gruppe nach den Deutungsfiguren, die der vorliegenden Beschreibung zugrunde liegen könnte –und wurde fündig.

Geht man in der Interpretation weiter, wandele sich die Ebene beim Wechsel von token, in diesem Fall der konkreten Person Herr Brand, zu type. Damit ist ein auf Basis der bei der Person erhobenen Daten aber von ihr „unabhängiger, abstrahierter Typus“ gemeint. Das sei nur möglich, wenn eine Theorie, z.B. eine Ungleichheits- oder Arbeitsmarkttheorie, hinzugezogen werde. Indem die Forschenden eine theoretische Brille aufsetzen und/oder zusätzliches Wissen, etwa über Digitalisierung oder Rationalisierung hinzuziehen, könne der Schritt von ‚token‘ zu ‚type‘ vollzogen werden.

Beim folgenden sequenzanalytischen, hermeneutischen Vorgehen wurde die Umstellung in der Interpretation von ‚talk‘ to ‚action‘ vorgenommen: Statt auf das Gesprochene, konzentrierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nun auf die im Interview vorzufindende Interaktion. Durch die Sequenzanalyse werden die im Interview vorzufindenden Interaktionsketten der Beteiligten rekonstruiert. „Wer sagt was zu wem in welcher Situation“, brachte Professor Reichertz das Frageschema auf den Punkt. „Damit ist ein Perspektivwechsel verbunden“, so Professor Reichertz weiter. Im Fokus stehe jetzt, was man durch die Handlungen, nicht durch die Worte von Herrn Brand über seine Arbeitslosigkeit erfahren könne.

„Hermeneutik suche nach der Frage, auf die die Daten die Antwort seien“, beschreibt Professor Reichertz die interpretationsleitende Grundidee.

Das alles habe auch damit zu tun, wie wir an unser Wissen gelangen. Die Epistemologie stellt dazu drei Wege zur Verfügung: deduktiv, indem wir, wie Professor Reichertz es ausdrückte, „die Alten fragen“, induktiv, durch eigene Erfahrungen, oder abduktiv, durch Nachdenken oder Phantasieren. Alle Formen würden gebraucht, kulturell unterschiedlich sei aber, in welcher Gewichtung das geschehe. Die Art der Wissensaneignung korrespondiere mit der gesellschaftlichen Umwelt, so bevorzugten etwa autoritäre Regime die deduktive Form der Wissensaneignung.
Und warum ist Herr Brand nun arbeitslos? Auf inhaltsanalytischer Ebene kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Schluss, dass er einfach ein Pechvogel oder das Opfer übler Nachrede ist. Aus hermeneutischer Sicht deutet sich an, dass er eher aufgrund seiner Haltung Arbeitsstellen nie lang behält.

Als der Workshop am späten Nachmittag endete, hätten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen zweiten Tag zur Vertiefung gewünscht. Aufgrund der Mitnahme der Beteiligten auf jedem Schritt und der eigenen Interpretationsarbeit, war es für alle ein Tag voller Anregungen, Impulse und Erkenntnisse. Professor Reichertz verstand es, den Teilnehmenden neue Einsichten und Aha-Erlebnisse zu bescheren, was die Mitwirkenden in der abschließenden Reflexion zum Ausdruck brachten.

Professor Dr. Jo Reichertz / Bild: privat

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